CHRYSTALINE LUKMAN – BUSINESS STATT PARTY

Chrystaline Lukman
Schon mit Mitte 20 hatte Chrystaline Lukman eine coole Produktidee, die zu einem Selbstläufer wurde. Doch die Flucht vor Problemen entführte die Berlinerin mit asiatischen Wurzeln vorerst in die Clubszene.

#Weltfrauentag2021
TEXT: BETTINA ULLMANN  //  FOTOS: ALEX DELFONT

Mit der tiefen Ruhe und Gelassenheit eines Mönchs sitzt Chrystaline im Lotussitz in ihrer Altbauwohnung Berlin-Mitte. Sie meditiert. „Meditationen und meine tägliche Yogapraxis helfen mir, mich mit mir selbst zu verbinden“, sagt sie. Die Verbindung zu sich selbst ist für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit, für Chrystaline stellt sie richtig harte Arbeit dar.

Chrystaline im Trainingstrikot am Fenster
„Nur in der Ruhe liegt die wirkliche Kraft“, sagt Yogini Chrystaline heute.

Und das hat auch mit der Herkunft ihrer chinesisch-indonesischen Eltern zu tun, stellt sie im Rückblick fest. Sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, war Chrystaline von Beginn an nicht möglich. Sie selbst ist in Berlin geboren und aufgewachsen, ihre Eltern sind Chinesen, die aber schon vor mehreren Generationen nach Indonesien ausgewandert waren. Chrystalines Eltern leben streng nach ihren chinesischen Traditionen, das ist schon immer so gewesen und soll auch so bleiben. Vehement distanzieren sie sich sowohl von der indonesischen als auch deutschen Kultur. Der Kontakt zu Schulfreunden, wie gegenseitige Hausbesuche beispielsweise, Übernachtungen bei Freunden, wurden ihr schon als Kind konsequent verboten.

Chrystaline Lukman black dress im Kornfeld
„Ich wusste nicht, dass meine Eltern aus China kamen.“

„Das Verrückte ist, dass ich selbst bis zu meinem 17. Lebensjahr gar nicht wusste, dass wir keine Indonesier sind“. Erst kurz vor der Volljährigkeit teilten ihr die Eltern mit, dass sie „eigentlich“ eine Chinesin und keine Indonesierin sei und aus diesem Grund auch in Deutschland keine Freundschaften zu indonesischen Jungs erlaubt seien, weil Indonesier Moslems seien. Da war Chrystalines Identitäts-Chaos perfekt. Die Lebensrealität des heranwachsenden Mädchens und die Erziehungsvorstellungen der Eltern kollidierten zunehmend. Immer wieder ist sie verzweifelt von zu Hause weggelaufen. „Ich habe es einfach nicht ausgehalten“. Sie wünschte sich Freundschaften mit anderen Jugendlichen und sie hatte einen Freund, den sie treffen wollte – einen Indonesier …  Unter derart konfliktreichen Bedingungen, werden Vorstellungen wie den eigenen Lebensweg zu finden zu unerreichbaren, theoretischen Zielen in der Ferne, der Weg zu sich ist keine gerade Bahn, sondern eine Achterbahn.

Nach der Schule 2007 absolviert Chrystaline ein Studium für Fashion, Design, Styling and Promotion an der Middlesex University in London. Sie spricht fließend Deutsch, Englisch und Indonesisch. Mit dem Bachelor in der Tasche, verbringt sie die Sommerferien bei ihrer Großmutter in Jakarta, aus den beabsichtigten vier Wochen werden vier Jahre.
Denn in Jakarta landet sie mitten in der Modewelt des Landes. Zu einem Outfit kreiert sie für sich und ihre Freundin spontan ein kleines Accessoire – eine Brillenkette. Alle, die diese Kette sehen, möchten sofort eine bei ihr bestellen.

Eyelike Model
Zwei Freundinnen gründen das Label Eyelike.

Das ist der Start als Geschäftsfrau. Gemeinsam mit ihrer Freundin beginnt sie Ketten zu basteln, anfangs noch jede einzelne selbst und von Hand, dann nehmen die ersten Brillengeschäfte die Ketten ins Sortiment auf. Plötzlich hatten die jungen Frauen ein eigenes Business. Geschickt wussten sie auch die Social Medias für den Verkauf einzusetzen. Ein halbes Jahr später ist die Nachfrage so groß, dass sie sich um eine professionellere, schnellere Produktion kümmern müssen, auch das klappt. Sie wechseln den Wohnort und ziehen von Jakarta nach Bali. „Es lief richtig gut“, sagt die 32-Jährige, „in Indonesien konnte ich von den Ketten leben.“

Doch Chrystaline hat psychische Altlasten. Weil sie emotional nicht stabil ist, gelingt es ihr anfangs nicht, konsequent bei der Stange zu bleiben. Bali ist ihr Traum, aber ihr geht es schlecht. Sie verlässt Bali, damit auch das gemeinsame Geschäft mit ihrer guten Freundin und sucht sich in einer Klinik in Thailand professionelle Hilfe.

Chrystaline in der Berliner Clubszene.
Die Berliner Clubszene war für die junge Chrystaline sehr verführerisch.

„Ich war soulsearching, Seelensuchende“, sagt sie. Nach der Kur wohnt sie längere Zeit in einer betreuten Community und hängt im Anschluss noch eine Ausbildung als Yogalehrerin in Indien an. „Ich hatte das Bedürfnis, auch mir selbst etwas Gesundes zu tun.“
Schritt für Schritt gewinnt sie Selbstsicherheit und Stabilität, sie möchte sich wieder ihrem Leben stellen und ihre Aufgaben anpacken. Ihr Ziel: Ihre Marke „Eyelike“ nach Deutschland holen. „Wir haben allein über unseren Instagram-Account die Ketten so gut verkauft, dass wir genug Kunden erreicht haben. Das geht in Deutschland so natürlich nicht.“
Heute kann sich Chrystaline nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu tun, als selbständig zu arbeiten. Sie hat im vergangenen Jahr mehrere Coachings bei Akelei e.V. und dem Weiterbildungsinstitut ZGS besucht, sich mit Marketing, Businessplänen und Zielgruppen auseinandergesetzt, die Produktion der Ketten auf Bali wieder reanimiert, den Transport von Indonesien nach Deutschland ebenfalls. Aktuell ist sie auch mit ihren Produktfotos beschäftigt, die sie unbedingt selbst machen möchte. „Mit Corona sind die Kommunikations- und Organisationswege ein wenig länger. Doch bald bin ich bereit.“ Besonders stolz ist sie auf die sozial fairen Aspekte ihrer Marke, denn die Ketten werden in Bali handgefertigt und ein Teil der Einnahmen fließt an eine indonesische Wohltätigkeitsorganisation zur Unterstützung der indigenen Bevölkerung.

Chrystaline auf Brücke
Chrystaline hat ein stylishes Händchen und sie wird sich weitere Produkte überlegen.

Chrystaline hat ein stylishes Händchen und es soll nicht bei Brillenketten bleiben, die nächste Projektidee wartet schon auf ihre Realisation. „Irgendwann werde ich noch Handyketten ins Geschäft aufnehmen. Aber ich möchte nichts überstürzen, es muss sich alles fügen.“ Und sollte der Stress des Geschäftaufbaus einmal Überhand nehmen, wird sie Ruhe bei ihrer Meditations- und Yogapraxis finden. Übrigens: Zu Voll- und Neumond nunmehr regelmäßig öffentlich und für alle zugänglich, Anmeldung per Email unter online www.chrystalinelukman.com.