VATERLAND – EINE FILMREZENSION

Titelfoto Film Vaterland

Das Innen und Außen der Manns.

„Ich liebe dich“, spricht der halbnackte Klaus in den Telefonhörer.
Rauchend sitzt er auf dem Fußboden vor dem Bett, aus dem wortlos eine Person entschwindet. Seine Schwester Erika am anderen Ende der Leitung antwortet ruhig: „Ich dich auch, Klaus.“ Ende des Telefonats. „Hoppla“, denkt man als Zuschauerin, „wird hier eine Inzestliebe angesprochen?“ 
Nein, Klaus Mann war homosexuell. Und Klaus und Erika hatten tatsächlich eine derart enge Geschwisterbeziehung, waren füreinander wichtige Säulen innerhalb ihrer ungewöhnlichen Familiendynamik und gegenseitige Anker – auch im Kontakt mit dem Außen, mit der Gesellschaft und der Vernichtungsmaschinerie des Weltgeschehens. Die Manns: eine deutsche Vorzeigefamilie, ein Clan aus gutbürgerlichen bis wohlhabenden Verhältnissen, kulturell hoch angesehen. Und auch eine Familie, in der mehrere Mitglieder mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen lebten. Klaus machte seine Homosexualität früh öffentlich und auch literarisch zum Thema. Erika hatte Beziehungen zu Frauen. Und der weltberühmte Vater? Machte zumindest in seinen Tagebüchern kein Geheimnis aus seinen homoerotischen Bedürfnissen. Dort soll man auch nachlesen können, wie stark er sich zu seinem 14-jährigen Sohn Klaus hingezogen fühlte.

Aber nach außen wurde eine Fassade gewahrt. Die Manns unterschieden offenbar sehr genau zwischen dem, was innerhalb der Familie bleiben sollte, und dem, was nach draußen dringen durfte. Es muss ein ungeheures Spannungsverhältnis erzeugt haben, diese permanente Bewegung zwischen dem privaten und dem gesellschaftlichen Ich, zwischen dem Wir und den Anderen, zwischen Innen und Außen aufrechtzuerhalten. Eine Spannung, die den Familienmitgliedern möglicherweise eine geradezu übermenschliche Kontrolle abverlangte – und die sich eben deshalb immer wieder einmal in emotionalen Ausbrüchen Luft machen musste. Diese Spannung spielt Sandra Hüller als Erika authentisch bis in die Haarspitzen. Fast den gesamten Film über ist sie kontrolliert, ruhig, beinahe undurchdringlich. Und dann plötzlich dieses abrupte Umschlagen. Die schallende Ohrfeige für ihren ehemaligen Ehemann Gustaf Gründgens ist so ein Moment. Dieser Aspekt von Kontrolle und Ausbruch wird auch im Verhältnis zu ihrem Vater Thomas Mann besonders deutlich. Unter vier Augen sagt und zeigt Erika ihm allerdings schon, was sie denkt. Auch über ihn. Eigentlich ein erstaunliches Zeichen von Vertrauen – zumindest innerhalb der filmischen Beziehung der beiden. Der Film zeigt beide Seiten: das innige Verhältnis zwischen Erika und ihrem Vater und gleichzeitig ihr immer wieder vehementes Ausscheren in die eigene Individualität, oft dargestellt durch ein Wegtreten aus einer konkreten Situation, durch räumlichen Rückzug.

Dabei war Erika selbst eine höchst eigenständige Künstlerin. Schauspielerin, Autorin, Satirikerin und die treibende Kraft hinter dem politischen Exilkabarett „Die Pfeffermühle“. Dieser Teil ihrer Biografie bleibt im Film ausgespart. Für das Verständnis der historischen Erika Mann wäre dieser Hintergrund aber interessant.

 

Thomas Mann in Menschenmenge.

Der Film „Vaterland“ von Paweł Pawlikowski erzählt eine historische Reise, die es so allerdings nicht gegeben hat.
Im Sommer 1949 kehrte Thomas Mann nach sechzehn Jahren Exil erstmals nach Deutschland zurück. Die tatsächliche Reise unternahm er gemeinsam mit seiner Frau Katia. Sie führte von Frankfurt nach Weimar. Im Film wird Katia durch Erika ersetzt. Auch Klaus Manns Tod wird filmisch in die Zeit dieser Reise verlegt – tatsächlich hatte er sich bereits am 21. Mai 1949 in Cannes das Leben genommen. Thomas Mann kommt also in ein Deutschland zurück, das es so, wie er es verlassen hatte, nicht mehr gibt. Der Film arbeitet den Unterschied zwischen Vaterland und Heimat heraus. 
In Frankfurt wird er gefeiert. Dann fährt er in einer Luxuslimousine mit Erika am Steuer durch das zerbombte Deutschland weiter nach Weimar, in die sowjetisch kontrollierte Zone. Zwei entstehende deutsche Staaten, zwei politische Systeme – und auf beiden Seiten der Versuch, den weltberühmten Schriftsteller als kulturelle Autorität für sich zu gewinnen.
Thomas Mann selbst formulierte es bei seiner Rückkehr: „Mein Besuch gilt Deutschland selbst. Deutschland als Ganzem, und keinem Besatzungsgebiet.“ Dieser Satz ist historisch belegt – und er passt wunderbar zum Titel des Films. Und während Thomas versucht, über Goethe, deutsche Kultur und die Idee eines gemeinsamen Deutschlands zu sprechen, steht Erika daneben.
Sie kann diese kulturelle Kontinuität nicht einfach akzeptieren. Als ihr Vater ihr seine Goethe-Rede vorträgt, verändert sich ihr Gesicht. So viel Goethe – und so wenig von dem Deutschland, das gerade erst aus Krieg und Nationalsozialismus hervorgegangen ist, das ist unerträglich für sie. „Wie kannst du einfach so weitermachen!?“ In diesem Satz steckt vielleicht einer der tiefsten Konflikte zwischen den beiden.
Und dann der kurze, aber inhaltsschwere Auftritt des Gustaf Gründgens: Als Erika auf einem Fest ihrem Ex-Mann Gründgens begegnet, jenem für mich politischen ‚Wendehals‘ par excellence, der sich ausgerechnet vor ihr nun mit einem fadenscheinigen Argument aus seiner Verantwortung für sein Mitlaufen im NS-Regime stehlen will, landet ihre schallende Ohrfeige direkt auf seiner Wange. Wieder durchbricht ein einziger Moment die kontrollierte Oberfläche.
Klaus Mann machte Gründgens ja in seinem 1936 im Exil erschienenen Roman „Mephisto“ zum literarischen Hendrik Höfgen, ein wichtiger Bestandteil meiner persönlichen Bibliothek, ebenso wie sein „Wendepunkt“. Klaus bleibt fast über die gesamten 82 Minuten Filmlänge präsent, obwohl er nur ganz kurz zu sehen ist. Nicht als Literat, sondern als Sohn und Bruder. Eine dramaturgisch außerordentlich starke Inszenierung.

Trümmer nach dem Krieg.
Klaus Mann

Starke Ästhetik in Schwarz-Weiß.

Der Film lebt von einigen bemerkenswerten, subtilen Stilmitteln seiner Macher: Regisseur Paweł Pawlikowski und Kameramann Łukasz Żal. Selten habe ich mich tatsächlich so stark in eine historische Zeit zurückversetzt gefühlt. Das Schwarz-Weiß ist dabei nicht bloß ästhetisch, es erzeugt einen Sog. Die Kamera verändert mein Zeitgefühl.  Ich sehe nicht einfach einen Film über die frühe Nachkriegszeit, ich bin plötzlich dort. Ähnlich wie Sprache oder Musik kann auch die Bildsprache eine eigene Wirklichkeit herstellen. 
Auch die Musik ist kein bloßes Beiwerk, sondern bewusst eingesetztes Stilmittel, sie leitet über und leitet ein, stellt friedvolle Verbindungen her. In Weimar wird Thomas Mann mit „Auferstanden aus Ruinen“ empfangen – der Musik von Hanns Eisler und dem Text Johannes R. Bechers (Devid Striesow), der hier selbst anwesend ist. Die spätere DDR-Nationalhymne entstand gerade in diesen Wochen des Jahres 1949. Das ist ein erstaunlicher Moment: Musik als Vision einer neuen deutschen Zukunft, als politisches Signal – und zugleich als Kunst. Der Auftritt des russischen Soldatenchors entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik. Und doch verschwinden für einen kurzen Moment alle aktuellen politischen Vorbehalte. Ach, wäre das schön, wenn es so sein dürfte, muss ich denken. Man hört nicht „die Russen“, nicht „die Sowjets“, sondern vor allem eine wunderschön vorgetragene, traditionsreiche Musik. Auch über die Musik schafft der Film ein Zeugnis für die großen Möglichkeiten von Kunst, Verbindungen herzustellen, wo Politik und Geschichte längst Trennlinien gezogen haben. 
In der Schlussszene spielt eine verstimmte Kirchenorgel in einer Ruine Bach. Bach, das war Klaus‘ Lieblingskomponist, der Film erwähnt es. Und bei diesen Tönen können Thomas Tränen endlich fließen, Erika hält still seine Hand. 

Musik ist verbindend.

Eine Stärke dieses Films sind für mich gerade all die historischen Anspielungen, die er nicht immer selbst auflöst. Einige Rezensenten hat das irritiert. Mich nicht, ich bin aus dem Kino gegangen mit einer großen Lust auf mehr. Vielleicht ein weiterer Film über Erika Mann von genau diesem wunderbaren Duo Paweł Pawlikowski und Łukasz Żal?